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Zahlreiche Basilikumpflanzen auf der Dachfarm des Green Buildings in Wiesbaden
Zahlreiche Basilikumpflanzen auf der Dachfarm des Green Buildings in Wiesbaden
Green Farming auf einen Blick
27. Mai 2021
Eröffnung in
Wiesbaden-Erbenheim
1.511 m2
Verkaufsfläche
Aquaponik-Dachfarm für die Produktion von Basilikum und Barsch
Ressourcen­schonender Betrieb
1.100 m3
Holz verbaut
Einspeicherung von über
700 Tonnen CO2
Innovatives Parkplatzlayout
Blick von der Dachfarm auf die Holzkonstruktion und in den REWE-Markt
In unseren Podcasts geben die Projektbeteiligten weitere Einblicke und Informationen zum REWE Green Farming-Markt:
Nicolas Leschke — Gründer ECF Farmsystems  
Friedrich Ludewig — Architekt bei acme
Klaus Wiens — Projektleiter bei REWE

Grün gedacht

Der Supermarkt der Zukunft steht in Wiesbaden-Erbenheim und ist vor allem eins: nachhaltig. Hier werden Lebensmittel nicht nur verkauft, sondern auch ressourcenschonend produziert. Das Konzept heißt: Green Farming.

Natürlich, nachwachsend, nachhaltig: Holz leistet als Baumaterial einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz – und hat, ganz nebenbei, viele weitere Eigenschaften, die es als Werkstoff wertvoll machen. Ein geringes Eigengewicht zum Beispiel und eine hohe Tragfähigkeit. Wer als Bauherr Nachhaltigkeit sichtbar machen möchte, überlegt deshalb bei der Materialauswahl nicht lange. An Holz führt kein Weg vorbei. Als REWE die neue Generation Green Building plante, war somit rasch klar: „Wenn wir das Konzept des Supermarkts revolutionieren und unsere grüne Zukunftsvision erlebbar machen wollen, setzen wir auf den wohl nachhaltigsten Baustoff, den es gibt – heimisches Holz“, erläutert Peter Maly, Bereichsvorstand der REWE Group.

Ortstermin in Wiesbaden, Stadtteil Erbenheim. Unweit der Autobahn 66 steht der Supermarkt der Zukunft. Der Protagonist für REWE Green Farming, zertifiziert von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit „Platin“, der höchsten Stufe. Hier werden Lebensmittel nicht nur verkauft, sondern auch ressourcenschonend produziert. Das gab es noch nie. Bereits die Außenflächen des Marktes sind nachhaltig angelegt. Weniger versiegelte Flächen, mehr versickerungsfähige Untergründe, mehr Grünflächen, was unter anderem auch Insekten freut. Seit der Eröffnung des Marktes im Mai 2021 muss Marktmanager Stefan Zizek viel erklären. Kund:innen, Lieferant:innen, Journalist:innen, Vertreter:innen aus Bauwirtschaft und Handel – sie alle möchten wissen, was es auf sich hat mit Green Farming.

REWE Green Building

Zizek bittet dann zunächst einmal nach draußen, vor den Markteingang, und lädt ein, den Blick nach oben zu richten, entlang der massiven Pfeiler aus gestapeltem Holz. Diese verbreitern sich zur Spitze hin und erinnern an asiatische Tempel-Architektur. 42 solcher Säulen aus heimischem Nadelholz stützen den Markt und die auf dem Dach angelegte Farm. „Rund 1.100 Kubikmeter Holz sind hier verbaut worden. Sie speichern mehr als 700 Tonnen CO2“, erläutert Zizek. Im Markt sorgt die Holzkonstruktion, in Kombination mit einem gläsernen Dach in luftiger Höhe, für ein einzigartiges Einkaufserlebnis. Taghelles, offenes Marktplatz-Ambiente statt enger Laden-Atmosphäre. Die Waren stammen, wie es in diesem Umfang sonst nur auf einem Markt unter freiem Himmel üblich ist, zu einem großen Teil aus regionaler oder auch lokaler Produktion. „Das schätzen die Kund:innen und das ist unsere große Stärke“, betont Marktmanager Zizek. In seinem Büro sammeln sich die Anfragen von Landwirt:innen und Produzent:innen aus der Region, die seinen Markt gerne beliefern würden. „So viel Regalfläche haben wir gar nicht. Aber wir probieren vieles aus.“

Bis hierhin ist der Markt ein imposanter, besonders nachhaltig errichteter Bau mit einem bemerkenswerten Sortiment, aber im Kern immer noch ein traditioneller Supermarkt. Das Besondere spielt sich auf dem Dachgeschoss ab. Hier wird die grüne Zukunftsvision des Konzepts Green Farming erlebbar: eine vom Partner ECF Farmsystems aus Berlin betriebene Farm, die nach dem Aquaponik-Verfahren arbeitet. Dessen Kernidee bringt Nicolas Leschke, Gründer ECF Farmsystems, in drei Sätzen auf den Punkt: „Hier werden Fischzucht und Pflanzenanbau ressourcenschonend miteinander gekoppelt. Die Ausscheidungen der Tiere dienen als Nährstoffe für die Pflanzen. Das Kreislaufsystem ermöglicht eine Produktion mit 90 Prozent weniger Wasserverbrauch gegenüber herkömmlicher Landwirtschaft.“

Basilikum trifft Barsch

Die Fische – das sind in diesem Fall etwa 20.000 junge Buntbarsche, die hier innerhalb von sieben bis acht Monaten zu rund 500 Gramm schweren Tieren heranwachsen und vor Ort verarbeitet werden. Sie schwimmen in 13 unter anderem mit Regenwasser gefüllten Bassins auf etwa 230 Quadratmetern. Je nach Größe werden sie alle paar Monate in ein anderes Becken umgesetzt. „Sonst würde es für sie gegebenenfalls zu eng“, erläutert Leschke. Sauerstoffmessung und Nahrungszufuhr erfolgen computergesteuert, und im Falle eines Störfalls kann der Betriebsleiter auch aus der Ferne mittels seines Smartphones eingreifen. Nötig war das bisher noch nie. Die Sterblichkeit der Fische ist gering, was auch damit zu tun hat, dass die Buntbarsche auf der Dachfarm weder Wettereinflüssen noch dem Zugriff von Vögeln ausgesetzt sind.  

REWE Green Building-Markt von außen am Abend
Der REWE-Markt in Wiesbaden-Erbenheim
gehört zur neuen Generation Green Building

Die Exkremente der Tiere dienen als Dünger für jährlich etwa 730.000 Basilikumpflanzen, die in der gläsernen Gewächshauskonstruktion unter dem Dach des REWE-Marktes wachsen. Gesteuert von einer smarten Mess- und Regeltechnik werden sie mit allem versorgt, was sie brauchen. Die Bewässerung erfolgt tröpfchenweise, Temperatur und Lichteinfall werden fein reguliert. Sobald die Pflänzchen vier bis fünf Zentimeter hoch sind, kommen sie in Pflanzregale und werden auf sogenannten Ebbe-Flut-Tischen weiter versorgt. Nach etwa 20 Tagen sind die Basilikumpflanzen ausgewachsen und verkaufsbereit. Verpackt werden sie nicht wie sonst üblich in einem Plastiktopf, sondern stecken in einer Tüte aus Recyclingpapier. So lassen sich bis zu zwölf Tonnen Plastik pro Jahr sparen. Verkauft werden die Pflanzen in etwa 480 REWE-Märkten in Hessen und Teilen von Rheinland-Pfalz. Und selbstverständlich vor Ort, eine Etage tiefer, im Verkaufsraum des ersten REWE Green Farming-Standorts. Mehr Frische, mehr Umweltverträglichkeit geht nicht.

Green Farming – das muss nicht immer heißen: Basilikum trifft Barsch. Auch andere Pflanzen lassen sich ressourceneffizient via Aquaponik anbauen. „Salate und Kräuter zum Beispiel. Oder auch Tomaten, Pilze und Auberginen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die dann immer auch wieder ein Stück Pionierarbeit bedeuten“, betont Peter Maly. Zukunftsträchtige Lebensmittelerzeugung mit kurzen Transportwegen, kurzen Kühlketten und einer besseren CO2-Bilanz: alles Optionen für weitere Green Farming-Märkte, mit denen wir bei REWE in den nächsten Jahren Nachhaltigkeit erlebbar machen werden.

Porträt von Peter Maly

Aushängeschild für Kommunen

3 Fragen an Peter Maly, Bereichsvorstand REWE Group

Mit dem Green Farming-Markt in Wiesbaden hat REWE ein im Lebensmittelhandel, aber auch in der Immobilienwirtschaft viel beachtetes Projekt verwirklicht. In welchem Tempo soll diese neue Generation von Märkten ausgerollt werden?

Peter Maly: Mit dem Markt in Wiesbaden verfügen wir über ein Referenzprojekt, das zeigt, was möglich ist, wenn verschiedene Akteure Dinge anpacken, die man zunächst für nicht machbar gehalten hat. Es gibt bereits eine Reihe von Anfragen von Immobilienträgern, die Ähnliches mit uns umsetzen möchten. In den nächsten vier Jahren wollen wir bei REWE bundesweit fünf bis sieben solcher Märkte mit Dachfarm errichten, bevorzugt in Metropolregionen. In zehn Jahren sollen es dann 30 bis 40 sein. Dazu kommen jährlich 50 bis 80 Neueröffnungen ohne Dachfarm sowie Umbauten bestehender Märkte, in die Teile des Green Farming-Konzepts einfließen.

Welche Mindestanforderungen müssen gegeben sein, damit ein Markt eine Dachfarm erhält?

Peter Maly: Die entscheidende Frage lautet: Passt die Dachfarm in unsere Beschaffungsstruktur? Nur dann macht ein solches Projekt Sinn. Wichtig ist auch, dass die örtliche Verwaltung aktiv dazu beiträgt, ein solches Projekt mit vertretbarem Aufwand zu realisieren. Green Farming kann ein Aushängeschild für eine Kommune sein, weil es mehr Leben und mehr Grün in eine Stadt bringt. Und letztlich sollte ein Markt dieser Generation idealerweise über eine Verkaufsfläche von 1.800, besser noch 2.000 Quadratmeter verfügen. Dann können wir als REWE unsere Stärken insbesondere im Bereich Frische voll ausspielen.


Skalierung macht nur Sinn, wenn sich ein Konzept auch rechnet. Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit des Green Farming-Marktes in Wiesbaden?

Peter Maly: Die Kund:innen nehmen das Konzept sehr gut an. Wir sind hochzufrieden mit den Umsätzen. Unsere Erfahrungen mit dem Bau dieses Piloten fließen in eine Musterbaubeschreibung ein. Sie hilft uns, Green Farming-Märkte künftig zu ähnlichen Baukosten zu errichten wie herkömmliche Märkte.