REWE Group
Geschäftsbericht 2019
REWE Group Geschäftsbericht 2019

Herr Gippert, Sie betreiben drei REWE-Märkte sowie – zusammen mit einem anderen Kaufmann – drei nahkauf- und zwei REWE-Standorte im Großraum Göttingen. Wer in Ihren Märkten einkauft, wird geduzt. Das ist ungewöhnlich im Lebensmitteleinzelhandel. Wie kam es dazu?
Ein Mitarbeiter hatte vor etwa zwei Jahren die Idee, vom förmlichen Sie auf das vertrauliche Du zu wechseln. Und zwar sowohl in der Kommunikation untereinander als auch in der Kundenansprache. Ich war anfangs skeptisch, habe mich aber dann überzeugen lassen. Seitdem tragen alle Mitarbeiter auf ihrer Berufsbekleidung Schilder mit ihren Vornamen und natürlich bin auch ich seitdem für alle der „Sven“ und nicht mehr „Herr Gippert“. Seitdem ist der Umgang im Markt sehr viel entspannter. Wir können das ja auch in diesem Gespräch einmal ausprobieren.

Gerne, Sven. Wie haben Mitarbeiter und Kunden auf die neue Ansprache reagiert?
Nicht alle Mitarbeiter waren anfangs begeistert. Mittlerweile wollen sie es gar nicht mehr anders. Sie haben gemerkt, dass das Du Distanzen abbaut. Natürlich gibt es Kunden, denen eine solch vertrauliche Ansprache nicht recht ist. Dann verzichten wir selbstverständlich darauf. Aber die meisten finden es gut, wenn sie mit Du angesprochen werden.

Du statt Sie – das schafft Nähe zwischen zwei Menschen. Warum ist das im Markt-Alltag möglicherweise wichtig?
Wer Kundenbindung erreichen will, muss dafür sorgen, dass sich Kunden wohlfühlen. Das beginnt mit einer freundlichen, persönlichen Ansprache. Deshalb lege ich Wert darauf, dass meine Mitarbeiter Kunden wahrnehmen und angemessen ansprechen. Es ist enorm wichtig, mit Kunden in direkten Kontakt zu kommen, sich Zeit für sie zu nehmen, gerade in kleineren Märkten und an Standorten, die weniger Lauf- als Stammkunden haben. Das bestärkt Kunden wiederzukommen. Sie schätzen es, wenn sie beim Einkaufen bekannte Gesichter sehen. Somit ist es auch wichtig, dass das Personal in den Märkten möglichst selten wechselt.

REWE Group Geschäftsbericht 2019

Kaufleute, die nah an den Kunden sind und deren Wünsche kennen, sind meist besonders erfolgreich. Wie lässt sich eine solche Nähe Deiner Meinung nach schaffen? Allein eine persönliche Ansprache dürfte nicht ausreichen.
Nein, dazu müssen mehrere Maßnahmen ineinandergreifen. Zum Beispiel bei der Gestaltung des Sortiments. Ich beobachte, dass Kunden gerne Produkte aus ihrer Heimat kaufen, bevorzugt von Herstellern, deren Namen ihnen geläufig sind und die sie möglicherweise sogar persönlich kennen. Das schafft Vertrauen. Deshalb habe ich schon vor vielen Jahren begonnen, regionale Produkte in meinen Märkten anzubieten – zu einer Zeit, als das noch kein Trend war.

Welche zum Beispiel?
Angefangen habe ich mit Eiern. Das ist bestimmt zehn Jahre her. Ein Bauer aus der Region wollte ein Hühnermobil anschaffen, also einen Anhänger, der auf einer Wiese steht, auf der die Tiere frei laufen können und Bio-Futter bekommen. Schnell hat sich gezeigt, dass meine Kunden ganz wild auf die Bio-Freilandeier aus der Nachbarschaft sind.

Welche anderen regionalen Produkte können Kunden in Deinen Märkten kaufen?    
Gemüse, Blumen, Käse, Wurst, Honig – ich baue das regionale Sortiment immer weiter aus. Es gibt einen Apfelbauern, der eine eigene Fläche nur für uns betreibt, die „Gippert-Plantage“, wie er sie nennt. Die meisten Erzeuger kommen persönlich in die Märkte und liefern ihre Waren an, so dass sie auch für die Kunden sichtbar sind. Gelegentlich organisieren wir auch Hofbesuche. So erleben die Kunden hautnah, wo die Produkte herkommen.

Sven Gippert, REWE- und nahkauf-Kaufmann
„Gemüse, Blumen, Käse, Wurst, Honig – ich baue das regionale Sortiment immer weiter aus. Es gibt einen Apfelbauern, der eine eigene Fläche nur für uns betreibt, die ‚Gippert-Plantage‘, wie er sie nennt.“

Wie findest Du die für Deine Märkte passenden Lieferanten?
Wir sind immer auf der Suche, gehen häufig auf Wochenmärkte und sprechen dort Produzenten an. Manche zögern, ob die Zusammenarbeit mit einem Supermarkt gutgehen kann. Mit der Zeit merken sie, dass dieser Vertriebsweg funktioniert. So gewinnen sie neue Kunden. Mancher wirbt sogar damit, dass es seine Produkte exklusiv bei uns gibt. Die Bindung zu vielen Lieferanten ist inzwischen so eng, dass sie auch bei anderen Aktionen mitmachen. Zum Beispiel bei unserer letzten Sammelalbum-Aktion für einen lokalen Fußballverein. Für mich ein schönes Beispiel, wie es gelingen kann, Kundennähe und Verbundenheit mit dem Ort herzustellen. Und das in einem Ausmaß, das ich nie für möglich gehalten hätte.

Wie ist das gelaufen?
Der SV 07 Moringen, ein traditionsreicher Breitensportverein hier in der Region, hatte mich angesprochen, ob ich mit ihm eine Sammelalbum-Aktion durchführen wolle. Die Sache war ein Riesenerfolg. Wir wurden förmlich überrannt. Auch aus den Nachbarorten kamen Leute in meine Märkte, auf der Jagd nach den Stickern. Mit dieser Aktion habe ich viele Kunden gewonnen, die auch heute noch bei mir einkaufen.

Örtliche Sportvereine suchen häufig Unterstützer. Welche Möglichkeiten bietet ein solches Engagement für einen Kaufmann, seine Verbundenheit zur Region zu zeigen?
Gerade in diesem Punkt ist die Zusammenarbeit mit einem gut geführten und etablierten Sportverein in der Umgebung wertvoll. Es muss aber nicht immer nur ein Trikot-Sponsoring oder eine Sammelkarten-Aktion sein. Ich habe zusammen mit sechs REWE-Kaufleuten aus der Region ein Sponsoringpaket für den Basketball-Bundesligisten BG Göttingen geschnürt. Allein hätte ich das nicht stemmen können, aber im Team ist das möglich. Meine Kunden sehen schon am Eingang von einem meiner Märkte, dass ich ein Förderer der BG Göttingen bin: Eine Seite der Schiebetür ist mit einem Konterfei von mir und die andere mit dem eines Basketball-Profis beklebt. Wenn die Tür zugeht, sieht es so aus, als klatschten wir uns ab. Das schafft Aufmerksamkeit, was ich daran sehe, dass ich ständig darauf angesprochen werde.

Sven Gippert, REWE- und nahkauf-Kaufmann
„Tatsächlich ist es bei nahkauf besonders wichtig, den Kunden Nähe zu vermitteln – mit einer persönlichen Kundenansprache und einem stark regionalen Sortiment.“

Gibt es andere Aktionen abseits des Sports, mit denen Du zeigst, dass es Dir wichtig ist, was in der Nachbarschaft Deiner Märkte passiert?
Zum Beispiel der „Clean up day“ in Bovenden, einem kleinen Ort, in dem ich einen Markt habe. Dort sammeln die Anwohner einmal im Jahr Müll und grillen nach getaner Arbeit zusammen. Diese Aktion unterstützen wir, indem wir Handschuhe und Warnwesten zur Verfügung stellen. Und dann veranstalten wir regelmäßig Wetten mit Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen.

Wie das?
Nach dem Vorbild von „Wetten, dass..?“ haben wir bereits mehrere Aktionen durchgeführt. Zum Beispiel wetten wir, dass es der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin nicht schaffen, in einer festgesetzten Zeit eine bestimmte Menge Spargel zu schälen. Oder 100 Fahrradfahrer auf den Parkplatz eines unserer Märkte zu lotsen, die alle in einen Apfel aus der Region beißen. Wenn wir die Wette verlieren, spenden wir für einen guten Zweck. Das kommt gut an und die Stadtoberen machen gerne mit.

Bei nahkauf ist Kundennähe Teil des Konzepts, schließlich heißt es: „nahkauf – nichts liegt näher“. Welche Möglichkeiten hat nahkauf, das umzusetzen?
Tatsächlich ist es bei nahkauf besonders wichtig, den Kunden Nähe zu vermitteln – mit einer persönlichen Kundenansprache und einem stark regionalen Sortiment. Denn diese Märkte haben überwiegend Stammkunden. Sie kommen nicht in die Märkte, weil eine Aktion lockt, sondern weil sie Vertrauen in diese Einkaufsstätte haben. Sie sagen sich: Das ist mein Markt in der Nachbarschaft – den unterstütze ich. Da gibt es eine besonders enge Bindung.

Was tust Du, damit es dazu kommt?
Wir lassen uns auch immer wieder neue Dinge einfallen. In einem Markt haben die Mitarbeiter entschieden, den Kunden das lästige Einpacken der Waren an der Kasse abzunehmen – eine Kleinigkeit, die gut ankommt und sich rasch herumspricht. Die Kunden spüren: Hier nimmt man sich Zeit für sie. Wer sich wohlfühlt, kommt gerne wieder.

Vielen Dank für das Gespräch, Sven.