Interview

Was treibt die REWE Group an?

Im Interview erläutert Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der REWE Group, welche „Zukunftsfragen“ die REWE Group bewegen. Er erklärt darüber hinaus, was das Unternehmen und seine Mitarbeiter in allen Bereichen und auf allen Ebenen antreibt.

„Eine Frage der Zukunft“ – lautet der Titel dieses Geschäftsberichts. Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für die Zukunft der REWE Group?

Lionel Souque: Wir sind ein führendes europäisches Handels- und Touristikunternehmen, das sich aktuell in einem weitreichenden Transformationsprozess befindet. Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung aller Wirtschafts- und Lebensbereiche noch ganz am Anfang steht. Wer glaubt, dass wir bei der REWE mit dem Liefer- und Abholservice schon ganz weit vorne sind in puncto Digitalisierung, der täuscht sich gewaltig. Das ist erst der Anfang. Für uns ist die entscheidende Zukunftsfrage, wie gut es uns gelingen wird, Altes und Neues miteinander zu verbinden.

Was bedeutet das konkret, das Alte und Neue miteinander zu verbinden?

Lionel Souque: Bleiben wir beim Thema Digitalisierung. Bis jetzt lagen alle Prognosen zum Marktanteil des E-Commerce am Lebensmittelgesamtmarkt in Deutschland ziemlich daneben. Derzeit liegen wir in Deutschland, je nachdem, was man dazu zählt, bei einem oder ein klein wenig über einem Prozent. Trotzdem ist klar, dass dieser Anteil kontinuierlich steigen wird, die Frage ist bestenfalls, wie schnell. Also müssen wir in den E-Commerce mit Lebensmitteln investieren und gleichzeitig in die stationären Märkte und Strukturen. Das ist eine doppelte Herausforderung, die es vor 15 Jahren in dieser Form nicht gab. Und übrigens sehen wir etwas Ähnliches gerade in der Touristik. Die längst totgesagten Reisebüros erleben eine erstaunliche Renaissance – zumindest die Reisebüros unserer DER Touristik. 2017 war für sie ein wirtschaftlich hervorragendes Jahr. Gleichzeitig aber ist der Ausbau des E-Commerce in der Touristik weiter ganz oben auf unserer Agenda.

„Für uns ist die entscheidende Zukunftsfrage, wie gut es uns gelingen wird, Altes und Neues miteinander zu verbinden.“ Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der REWE Group

Also ist die Verbindung von Altem und Neuem vor allem eine Frage der Investitionen, weil sowohl in stationäre als auch digitale Strukturen investiert werden muss?

Lionel Souque: Ganz so einfach ist es nicht. Einerseits stimmt es, dass wir unsere Investitionen mittel- und langfristig auf einem höheren Niveau halten müssen als in den vergangenen zehn bis 15 Jahren. Andererseits müssen wir in der REWE Group aber auch in den Köpfen noch einen Schalter umlegen. Denn wir müssen uns gerade im Bereich des Lebensmittelhandels noch stärker als ein Logistik- und Technologieunternehmen begreifen und positionieren. Logistik und Technologie sind Schlüsselfaktoren für den zukünftigen Erfolg, also für die Effizienz, das Kostenmanagement und die Profitabilität unseres Geschäfts. Deshalb beschäftigen wir uns sehr intensiv mit Themen wie Automatisierung, Künstlicher Intelligenz, Big Data, Voice Systemen, Augmented Reality und Augmented Virtuality.

Das klingt, als sei die Zukunft noch sehr weit weg von der täglichen Arbeits- und Erfahrungswelt der Hunderttausenden Mitarbeiter in den Märkten und Lägern der REWE Group.

Lionel Souque: Nein, das ist überhaupt nicht weit weg von der Wirklichkeit in unserem Unternehmen. Wir testen bereits viele Zukunftsanwendungen in unseren Lägern und Märkten. Und wer sich heute beispielsweise unsere Warenmanagementsysteme anschaut oder auf welche Weise und mit welchen Tools die Ware in unseren Märkten von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geordert wird, der versteht, dass der digitale Transformationsprozess in vollem Gange ist. Er wird kontinuierlich in die Praxis unseres Unternehmens integriert. Jüngstes Beispiel wird unser technologisiertes Lager mit hohem Automatisierungsgrad für den REWE-Lieferservice in Köln sein.

Liegt es dann auch in der Konsequenz dieser Entwicklung, dass Technologie immer wichtiger und die Bedeutung der Mitarbeiter in den Verwaltungen, Lägern, Märkten und Reisebüros immer geringer wird?

Lionel Souque: Wer das glaubt, der hat sehr wenig verstanden und macht einen fatalen Fehler. Denn ich bin davon überzeugt, dass eine Pointe der Digitalisierung darin liegt, dass die Bedeutung der Menschen im Unternehmen eher wächst als abnimmt. Der Lebensmitteleinzelhandel und die Touristik brauchen kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich für ihr Geschäft und ihr Unternehmen leidenschaftlich begeistern. Genau das, die Leidenschaft und Begeisterung der Menschen, macht schließlich den Unterschied im Wettbewerb aus – das spüren die Kunden und das honorieren sie.

Was macht Sie zuversichtlich, wenn Sie an die kommenden fünf bis zehn Jahre der REWE Group denken?

Lionel Souque: Wir sind im Handel national und international und ebenso in der Touristik sehr gut aufgestellt. Unser Umsatzwachstum ist in allen Bereichen gut, weil wir in den zurückliegenden Jahren bereits sehr viel in die Modernisierung unserer Vertriebsnetze investiert haben. Zugleich sind wir Branchenvorreiter beim E-Commerce mit Lebensmitteln und treiben die Digitalisierung aller unserer Geschäftsmodelle mit hohen Investitionen voran. Vor allem aber haben wir leistungsstarke und engagierte Kaufleute, Manager und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Bereichen und auf allen Ebenen unseres Unternehmens. Das ist das Allerwichtigste: Wir haben ein Team, das Mut hat, die Zukunft zu gestalten, und erfolgshungrig ist.